Startseite Therapie die Praxis Videokonferenz Vorträge Login Links Narrativ Patienten 1.Videokonfernez WS2008/09 2. Videokonfernez WS2008/09 3. Videokonfernez WS2008/09 1.Videokonferenz Seite 2 Dozenten Logo Film 1 Film 2 Film 3 Film 4 Film 5 

1.Videokonfernez WS2008/09

Alle glauben zu wissen,was gut für mich ist!

Videokonferenz vom 24.10.08Patientin M.........Die Patientin befindet sich seit Jahren in unregelmäßigen Abständen in meiner hausärztlichen Betreuung. Sie leidet unter einer Essstörung, ist bisher zu einer Psychotherapie nicht bereit gewesen, war nicht zu motivieren und kommt nun akut mit der Bitte um Hilfe, weil sie in einer Gefühlswelt lebe, mit der sie nicht mehr klar komme. Sie könnte darüber mit niemandem reden. Sie bittet mich um Hilfe, dies nun zu verstehen. Die Patientin hat nach einer längeren Zeit wieder angefangen zu brechen und möchte wieder normal leben. Normal leben heißt aber für sie nicht, dass sie gesund werden möchte, sondern sie empfindet ihren Zustand als normal und sie empfindet ihren Zustand auch nicht als Krankheit. Dann widerspricht sie sich und wendet ein, dass sie es manchmal doch nicht normal findet, wenn sie erbricht vor allen Dingen dann, wenn sie sich dafür bestraft, wenn sie erbrochen hat. Auf der anderen Seite besteht sie darauf, dass sie ein Leben lebt, das sie als normal empfindet. Alles dreht sich nur um das Essen, sie empfindet sich auch selbst als sehr egoistisch, weil ihr alles Andere im Grunde genommen egal ist. Auch die Familie sei ihr im Grunde genommen ganz egal geworden. Dann bitte ich sie zu erklären, was wir denn darunter verstehen sollen, wenn sie sagt „normal“. Sie soll mal versuchen, ihren Tagesablauf von morgens an zu erklären. Sie berichtet, dass es für sie völlig normal ist, dass sie morgens schon Ekel empfindet, dass sie enttäuscht ist darüber, dass sie was gegessen hat. Zusätzlich hat sie das Gefühl, dass sie schwach ist, dass sie versagt hat, dass sie gegessen hat, obwohl sie es gar nicht wollte. Dann kann sie über ihre aggressiven Impulse sprechen, dass sie alles aufregt. Schon die Nachfrage: „Wie bitte?“ kann sie rasend machen. Sie beschreibt diese wechselnden Gefühlszustände, die plötzlich ausbrechende Wut, die sie kaum kontrollieren kann und ihr den Alltag im Umgang mit anderen Menschen sehr erschwert. Sie weiß nicht wohin mit ihrer Wut. Selbst die Mutter kann ihre Zustände nicht verstehen. Der Tag verläuft schematisch und wenn es nicht der Reihe nach geht, fühlt sie sich wie im Chaos. Es wird deutlich, dass sie eine Menge von unangenehmen Gefühlen, Ekel, Scham, Wut, Zwang aushalten muss und dass sie das als völlig normal empfindet. Früher hat sie alles normal essen können aber sie kann sich nicht mehr vorstellen, so zu leben. Das liegt jetzt 6 Jahre zurück. Der Versuch, bei ihr lebensgeschichtlich den Umschlagspunkt vom normalen zum anormalen Essverhalten herauszuarbeiten, misslingt. Sie kann diesen Umschlagpunkt nicht finden oder möchte ihn nicht finden. Aber dann assoziiert sie, dass das vielleicht mit Angst zu tun haben könnte. Sie habe Angst, dass es vielleicht so werden könnte wieder wie früher. Was war früher, was war in der Zeit, als sie noch aus ihrer Erinnerung heraus normal gegessen hat, was macht ihr Angst, wieder in diese Zeit zurück zu kommen. Dann thematisiert sie die Rivalität zur Schwester. Sie sei früher sehr pummelig gewesen, die Schwester dagegen außerordentlich hübsch und schön. Die Schwester habe ihr immer vorgeworfen, dass sie das alles nur tue, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber sie glaube nicht, dass das der Grund sei. Sie wisse, dass sie nicht so schön werden könne wie ihre Schwester aber sie habe damals begonnen, sich in ihre innere kleine Welt zurück zu ziehen. Sie möchte allein in dieser Welt leben, sie möchte, dass keiner da hinein kommt und sie möchte auch nicht, dass jemand das versteht. Sie möchte nicht, dass verstanden wird, wie es ihr in dieser kleinen Welt geht aber sie möchte, dass die Anderen das akzeptieren. Sie will nicht zunehmen, sie will dünn sein. Ich frage sie, ob sie sich das erklären könne, warum sie denn unbedingt dünn sein wolle und spontan sagt sie; dünn sein bedeutet für sie schön sein, schön sein wie die Schwester. Wenn man schön ist, hat man’s leichter. Man wird nicht gehänselt. Schön sein bedeutet für sie, dass man so sein kann, wie man ist, dass keiner einem reinredet, dass man in Ruhe gelassen wird. Noch spricht sie allgemein von den Anderen, die die Grenze nicht akzeptieren, die glauben zu wissen, was für sie gut ist, was sie tun soll aber keine Ahnung haben, was in ihr vorgeht aber ihr trotzdem Vorschriften machen wollen. Das macht sie wütend. Sie kann nicht sagen, was sie denkt, sondern sie muss denen nach dem Mund reden, damit sie beruhigt sind. Es macht sie wütend, dass die so tun als ob sie sie verstehen aber es doch nicht tun. Am schlimmsten sei es bei ihrem Vater und vor allen Dingen bei ihrer Schwester. Und sie fängt dann an, zu rivalisieren, sie will dünner sein. Bei der Mutter ist es anders schlimm, der Mutter tut es weh und da kann sie auch nicht sagen, was sie denkt und was sie fühlt, weil es die Mutter nicht aushalten kann. Sie tut der Mutter weh, wenn sie das erzählt. Sie muss sich dann quälen, etwas zu essen, damit es der Mutter gut geht. Die Mutter tue aber so, dass es ihr dann besser gehe. Sie führe ein verlogenes Leben. Sie belüge jeden. Sie tue so, als ob es ihr gut gehe, aber ihr gehe es im Grunde genommen immer schlechter.

13 

Modellpraxis der Universität zu Köln für angewandte Psychosomatik in der Allgemeinmedizin

Dr.Thomas Reimer Arzt für Allgemeinmedizin ,Psychotherapie ,Psychosomatik ; Lehrbeauftragter am Institut für Psychotherapie und Psychosomatik der Universität zu Köln