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2. Videokonfernez WS2008/09

Wenn sie nach Hause gehen, werden sie sterben!

Video-Konferenz vom 31.08.08.Frau S........Nicht jeder Patient, der eine psychische Diagnose hat, braucht Psychotherapie oder möchte eine Psychotherapie. Im vorliegenden Fall stelle ich eine solche Patientin vor, die im Rahmen eines synkopalen Anfalls bzw. einer anhaltenden schweren Panikattacke stationär aufgenommen wurde und nach kurzer intensivmedizinischer Behandlung auf Grund extremer Blutdruckwerte von über 250 auf eine Normalstation verlegt wurde. Die Patientin hatte sich dann auf Grund der Bedingungen im Krankenhaus abrupt entschlossen, dieses auf eigene Verantwortung zu verlassen. In dieser Situation wendet sich die Patientin an mich, sie ist Ärzten gegenüber äußerst misstrauisch und brauchte mehr als eine halbe Stunde, bevor sie sich entschließen kann, die Praxis überhaupt zu betreten. Im Laufe des Erstgespräches kann sich die Patientin beruhigen und Vertrauen fassen. Wir vereinbaren sowohl die Antidepressiva, die ihr verordnet wurden, als auch die Antihypertonika sofort abzusetzen. Ferner vereinbaren wir, dass sie selbst keinen Blutdruck mehr misst, sondern dass das nur noch in der Verlaufskontrolle von mir durchgeführt werden sollte. In der Anfangsphase bestellte ich die Patientin drei – bis viermal wöchentlich ein, es kommt zu einer fortlaufenden Stabilisierung, die Gespräche sind in der Regel nicht länger als 10 Minuten. Innerhalb kürzester Zeit konnten die Abstände vergrößert werden und zwar von 14 Tagen bis zu vier Wochen. Das Gespräch der Video-Konferenz zeigt die Patientin ein Jahr nach dem Erstgespräch. Sie berichtet lebhaft und authentisch, wie sie zum ersten Mal die Synkope und die Panikattacke erlebt hat. Sie schildert die Situation im Krankenhaus und den Verlauf in meiner ambulanten Behandlung. Im Krankenhaus war der Patientin und auch ihren Angehörigen angedroht worden, sie müsse zu Hause sterben, wenn sie das Krankenhaus verlasse und sie schildert eine Situation, in der sie sich im Krankenhaus missverstanden und unter Druck gesetzt gefühlt hatte. Auf Grund eines gesunden Selbstwertgefühls ist sie in der Lage das Krankenhaus gegen zu den Rat der Ärzte verlassen und trotz der eindringlichen Warnung sie müsse sterben wenn sie nach Hause gehe .Sie nimmt das Wagnis auf sich begibt sich in ambulante Behandlung , allerdings unter größtem Zweifel und größter Sorge. Als Behandlungsgrund gibt sie bei mir an, nicht zu wissen, ob sie verrückt sei, verrückt werde oder sterben müsse. Sie schildert lebhaft und eindrücklich ihre Erfahrungen und es ist für den Zuschauer sehr schwer, in ihr eine Patienten mit einer schweren Angststörung oder Panikattacken wieder zu erkennen. In der Diskussion mit den Studenten und in der anschließend erfolgten Nachbesprechung wird von den Studenten ein Abhängigkeits-Autonomie-Konflikt vermutet und ausführlich diskutiert. In der Nachbesprechung ist es dann möglich eine abschließende Hypothesenbildung zu formulieren.Zusammenfassung:Die Patientengeschichte zeigt eindringlich die Auswirkungen einer einseitig internistischen Betrachtungsweise der dargebotenen Symptomatik. Auf Grund der Tatsache, dass im Krankenhaus die Angstsymptomatik der Patientin nicht hinreichend beachtet und auch entsprechend behandelt wurde, sondern ausschließlich von ärztlicher Seite eine Fixierung auf die Behandlung der Hypertonie stattgefunden hatte, wird ärztlicherseits der Circulus vitiosus von Angstverstärkung durch eine einseitige Hypertoniebehandlung nicht erkannt. In der ambulanten Behandlung wird dieser Circulus vitiosus unterbrochen und das Bedürfnis der Patientin nach Autonomie auf der einen Seite und dem unterdrückten Bedürfnis nach Hilfe und Unterstützung auf der anderen Seit ebenfalls wahrgenommen . Eine Aufarbeitung und Durcharbeitung des zugrunde liegenden Konfliktes wird von der Patientin nicht gewünscht und findet auch nicht statt. Für die Behandlung ist es aber wichtig, dass der Arzt ein Verständnis über die innere Struktur der Patientin gewinnt und im Rahmen der Arzt-Patienten-Beziehung eine supportive Behandlungsstrategie erfolgt, bei der über eine Zunahme des Selbstwertes bzw. der Kohärenz der Patientin unter Abwägung der Relevanz der Behandlungsnotwendigkeiten weiterhin auf eine medikamentöse Einstellung verzichtet werden kann. Die momentanen Blutdruckwerte der Patientin liegen im Normbereich bei 125/80 mm/Hg. Die Patientin leidet in den letzten Monaten nicht mehr unter Panikattacken ist aber in der Lage, immer wiederkehrendes Unwohlsein mit ihrer Angststörung in Verbindung zu bringen und sie berichtet, dass sie mit dieser Situation ohne weiteres zu Recht komme, dass sie aber Wert darauf lege, weiterhin auch in größeren Abständen die Praxis aufsuchen zu können.


Modellpraxis der Universität zu Köln für angewandte Psychosomatik in der Allgemeinmedizin

Dr.Thomas Reimer Arzt für Allgemeinmedizin ,Psychotherapie ,Psychosomatik ; Lehrbeauftragter am Institut für Psychotherapie und Psychosomatik der Universität zu Köln